Aaron Fischer Ingenieur, Vater, Heimwerker, Problemlöser

25 Mai, 2021

Permanent Netsplit

Netzkultur

Da geht es also dahin, das Freenode IRC Netzwerk.

Ich bin mit dem Undernet in die Welt des IRC eingetaucht. Anfangs noch mit einem recht peinlichem Nickname, den ich dann nach ein paar Jahren immer mal wieder durch meinen Klarnamen ersetzt hatte, weil mir einfach keine passende Alternative einfiel.

Ich kämpfte gerade mit der Konfiguration von XFree86. Nach vielen Stunden Fummelei und Gefluche suchte ich mir Hilfe im IRC. Und da passierte es wieder: Ich wurde mal wieder mit Aaron Swartz verwechselt. Ich brauchte also einen Nick. Am besten sofort. Aus der Not heraus tippte ich schnell /nick FU86 in die Eingabezeile, weil ich langsam die Faxen dicke hatte mit meinem XFree86-Setup. Die anderen in #slackware waren sehr geduldig und halfen mir, die grafische Oberfläche meiner Slackware-Installation endlich zum Laufen zu bringen.

Der Nick blieb, die anfänglich vulgäre Andeutung verblasste. Das war vor über zwei Jahrzehnten, noch vor der Dotcom-Blase und dem Web 2.0, als es noch weird und seltsam war, vor dem Computer abzuhängen und sich zum Geburtstag ein 56k-Modem zu wünschen. Als das Internet noch ein gut behüteter Raum von ein paar Nerds war.

Dann brach die Welt über das Internet herein, und es war für mich immer schwerer, meinen 4-Zeichen Nick zu registrieren (fu86.de ist aber immer noch meine :). Aus fu86 wurde fubar86, f0086, f00860. Wo ich konnte, baute ich ein fu ein. Das iPad bekam den Namen fuPad, mein PC deskFu und der Hostname meines Notebooks ist immer noch thinkFu. Selbst das Autokennzeichen lässt eindeutig auf mich schließen.

Von den großen sozialen Plattformen wie Facebook, Twitter, Instagram habe ich mich abgemeldet. So bin ich heute meist schlicht unter f, dem Destillat meines ursprünglichen Nicks zu finden. Föderierte, dezentrale Systeme machen es möglich (dazu vielleicht in einem anderen Blogpost mehr). Mit IRC hat mein Nick nicht mehr viel gemeinsam, doch ist für mich einiges hängen geblieben, auch wenn äußerlich nur ein einziger Buchstaben daran erinnert.

In welchem IRC-Netzwerk man war, war nie wirklich von Bedeutung. Wichtig waren die User -- die Menschen an den Tastaturen. Ich schloss und pflegte Freundschaften, die bis heute bestehen, führte ernste Gespräche, alberte herum, chattete Nächte lang mit einer Person, die Jahre später meine Frau werden würde, half unzählichen Menschen bei Linux- und Programmier-Problemen, plante Projekte mit Freunden, schrieb Bots, konfigurierte Bouncer, fand Hilfe und Trost. Im IRC fühlte ich mich Zuhause. Und ich konnte es überall hin mitnehmen, egal wo ich wohnte oder war.

Im Laufe der Jahre wurdes es ruhiger im IRC. Die meisten meiner Freunde und Weggefährten wechselten erst zu ICQ, dann kam Jabber, bis sie dann von WhatsApp, Telegram und den anderen großen Social Networks verschluckt wurden. Ich war natürlich als Early Adopter stets vorn mit dabei. Doch das Gefühl von Heimat verlor sich. Als würde die Stammkneipe nach Corona einfach nicht mehr existieren. Einige Jahre merkte ich das nicht einmal. Geblendet von schicken Apps die endlos nach unten scrollen, Sprachnachrichten aus der Hosentasche, Eltern-WhatsApp-Gruppen, personalisierte Timelines, Zusammenschnitte meiner besten Posts mit dem meisten Engagement, Herzchen, Favs, Likes, Daumen, Glocken und Swipes. Ich brauchte einige Jahre, um zu verstehen, dass es dabei hauptsächlich um die Monetarisierung meiner Aufmerksamkeit geht, nicht um die Kommunikation an sich.

Meinen Account bei Freenode habe ich gelöscht, die Umstände machten die Entscheidung nicht schwer. Und offensichtlich ging es nicht nur mir so: Von allen Seiten bekam ich die Umbruchstimmung zu spüren. Es ist (wieder einmal) begeisternd zu sehen, wie aktiv und dynamsich ein paar Nerds sein können. Das mit Abstand größte IRC-Netz der Welt war innerhalb von 48 Stunden wie leergefegt und so gut wie alle Admins traten zurück. Die Freenode-Server gehen einer nach dem anderen vom Netz.

Graph aktiver Nutzer und Channels auf Freenode

Mein Zuhause ist schon lange nicht mehr das IRC. Ich bin ab und an kurz hier mal da, wenn ich ein Problem habe und kompetente Hilfe suche. Aber als Heimat bezeichne ich es nicht mehr. Mit Matrix habe ich für mich etwas gefunden, das dem IRC sehr nahe kommt. Und nicht nur das, IRC lässt sich sogar in Matrix integrieren -- wie so vieles Andere auch. So steht wieder der Mensch im Mittelpunkt, egal auf welchem IRC-Server oder Platform.